Gebrauchte Strangpresse oder neu aus China? Der ehrliche TCO-Vergleich
2026-07-19
Wer die Investition in ein eigenes Presswerk durchrechnet, landet früher oder später bei dieser Frage: neue Strangpresse aus China oder gebrauchte aus Europa? Und nirgendwo liegt sie näher als in Deutschland — dem stärksten Gebrauchtmaschinenmarkt Europas, mit Maschinensucher als größtem Marktplatz des Kontinents direkt vor der Haustür. Auf dem Papier wirkt die Antwort einfach: Die Gebrauchte kostet die Hälfte, „hat schon irgendwo gelaufen, funktioniert also", und deutsche Wertarbeit aus den Achtzigern genießt zu Recht einen guten Ruf.
Eine Offenlegung vorab: Wir verkaufen neue Maschinen aus China und sind in diesem Vergleich Partei. Deshalb bekommen Sie statt Adjektiven Zahlen — und am Ende eine ehrliche Liste der Situationen, in denen die Gebrauchtmaschine tatsächlich die bessere Wahl ist. Es sind weniger, als Gebrauchtmaschinenhändler suggerieren, aber mehr als null.
Der Gebrauchtmarkt: die Realität hinter den Suchergebnissen
Bevor wir Preise vergleichen, muss ein Punkt ausgesprochen werden, den jede theoretische Gegenüberstellung „neu vs. gebraucht" unterschlägt: Einen Markt für gebrauchte Strangpressen gibt es — trotz der Stärke des deutschen Gebrauchtmaschinenhandels — praktisch nicht als Markt. Es gibt ihn als Lotterie einzelner Gelegenheiten.
Geben Sie „Strangpresse Aluminium gebraucht" auf den einschlägigen Börsen ein, und Sie finden europaweit zum jeweiligen Zeitpunkt ein bis zwei Dutzend Maschinen: Baujahre aus den 70er- bis 90er-Jahren, Hersteller wie Schloemann, SMS oder UBE — teils Firmen, die diese Baureihen längst aufgegeben haben oder nicht mehr existieren —, Presskräfte nach Zufallsprinzip, Standorte von Spanien bis in die Türkei, Zustand „geprüft, lief bei Demontage" oder schlicht „as is, where is".
Das ist kein Zufall, sondern die Logik der Branche. Eine gute Strangpresse läuft 40 bis 50 Jahre, und niemand verkauft sie, solange sie Geld verdient. Auf den Zweitmarkt kommen Maschinen aus Werksschließungen und Ersatzinvestitionen — per Definition also jene, von denen sich der Vorbesitzer trennen wollte. Die praktische Konsequenz für Sie als Investor: Sie wählen nicht Presskraft, Bolzendurchmesser und Hublänge passend zu Ihrem Auftragsbestand — Sie nehmen, was gerade hängt. Wenn Ihre Profile eine Presse der 1000-Tonnen-Klasse für 5″-Bolzen verlangen und auf der Börse eine 800-t-Maschine mit 6″-Bolzen steht, macht kein Preis der Welt daraus die richtige Maschine.
Kaufpreise: der ehrliche Vergleich
Richtwerte für die Presse allein (ohne Linie), auf Basis von Börsenangeboten und unseren Katalogpreisen:
| Maschinenklasse | Gebraucht aus Europa (Baujahre 70er–90er) | Neu aus China (EXW) |
|---|---|---|
| Presse ca. 800–1000 t | ca. 25–80 Tsd. EUR, ab Halle des Verkäufers | 55–85 Tsd. EUR |
| Presse ca. 1600–1800 t | ca. 50–130 Tsd. EUR, ab Halle des Verkäufers | 95–160 Tsd. EUR |
Die Spannen bei den Gebrauchten sind bewusst breit, weil der Markt so ist: Dieselbe Maschinenklasse kostet je nach Baujahr, Zustand und Verkaufsdruck des Anbieters 30 oder 100 Tsd. EUR. Und schon hier zeigt sich die erste Überraschung: Der Unterschied im Kaufpreis zwischen Gebrauchtmaschine und neuer Presse aus China beträgt üblicherweise 30–60 % — nicht „ein Fünftel". Ein Fünftel kostet die Gebrauchte im Vergleich zu einer neuen Presse aus Westeuropa. Das ist aber ein völlig anderer Vergleich.
Zum Preis der neuen Presse kommen Seefracht und Zoll. Räumen wir dabei gleich mit dem hartnäckigsten Mythos auf: Die EU-Antidumpingzölle von 22–32 % gelten für chinesische Aluminiumprofile, nicht für die Maschinen zu deren Herstellung. Für Metallbearbeitungsmaschinen liegt der Zollsatz je nach CN-Code typischerweise bei 0–4,5 %, und die Einfuhrumsatzsteuer ist für vorsteuerabzugsberechtigte Unternehmen ein Liquiditäts-, kein Kostenposten. Die Details — inklusive Verzollung über Hamburg oder Rotterdam — stehen im Import-Leitfaden.
Was der Gebrauchtpreis verschweigt
„Ab Halle des Verkäufers" ist erst der Anfang der Rechnung. Diese Positionen erweisen sich in unseren Gesprächen mit Investoren am häufigsten als Überraschung:
Demontage, Transport, Fundament. Eine 1000-t-Presse sind mehrere Dutzend Tonnen Stahl, zerlegt in Hauptbaugruppen. Demontage beim Verkäufer (oft unter dem Termindruck einer Hallenräumung), Schwertransport quer durch Europa, neues Blockfundament und Montage: realistisch 25–60 Tsd. EUR — mitunter mehr als die Maschine selbst. Auch die neue Presse braucht Fundament und Montage, aber sie kommt in Containern, mit Fundamentplänen und einem Inbetriebnahmeteam zu vorab verhandelten Konditionen.
Überholung zum Start. Eine Maschine nach 30–45 Betriebsjahren hat einen verschlissenen Blockaufnehmer, ausgelaufene Führungen, eine Hydraulik mit Pumpen, die niemand mehr fertigt, und eine Relaissteuerung oder eine SPS aus den 90ern. Eine ehrliche Generalüberholung — Dichtungen, Verrohrung, Revision des Hauptzylinders, neue Steuerung — kostet 30–80 Tsd. EUR. Vorausgesetzt, im Rahmen finden sich keine Risse.
Ersatzteile. Die Pressenhersteller der 70er- und 80er-Jahre existieren überwiegend nicht mehr oder haben diese Baureihen aufgegeben. Ein beschädigter Seitenzylinder oder ein Sonderventil ist keine Katalogbestellung, sondern eine Einzelanfertigung nach Aufmaß — und jede Woche Wartezeit ist eine Woche Stillstand des ganzen Presswerks. Zum Vergleich: In den neuen Maschinen, die wir anbieten, stammt die Hydraulik von Rexroth und die Steuerung von Siemens — Komponenten, die in Deutschland ganz normal serviciert und beschafft werden können.
Dokumentation und Konformität. Eine Presse von 1979 hat nie eine CE-Kennzeichnung getragen, weil es CE damals nicht gab. Wurde die Maschine rechtmäßig in der EU betrieben, dürfen Sie sie weiterbetreiben — in Deutschland nach Betriebssicherheitsverordnung, die die Anforderungen der Richtlinie 2009/104/EG an Maschinen im Bestand umsetzt. Aber Vorsicht vor der Falle der „wesentlichen Veränderung": Eine tiefgreifende Modernisierung — neue Steuerung, Eingriffe in die Sicherheitskreise — kann dazu führen, dass die Maschine rechtlich wie eine neue behandelt wird, mit vollständiger Konformitätsbewertung nach aktuellem Recht. Und der Import einer Gebrauchtmaschine von außerhalb der EU (etwa aus der Türkei) löst ohnehin dieselben Pflichten aus wie bei einer Neumaschine. Dazu kommt der Alltag: Betriebsanleitungen fehlen, Hydraulikpläne existieren auf Transparentpapier, und die Elektrik trägt die Spuren von 40 Jahren „Verbesserungen".
Energie. Eine alte Presse mit Konstantpumpen kennt keinen Frequenzumrichter. Ein moderner FU-Antrieb spart rund 15 % Strom; bei einer 1000-t-Presse im Zweischichtbetrieb macht das auf der Stromrechnung orientierungsweise 10–20 Tsd. EUR pro Jahr aus — bei deutschen Industriestrompreisen eher am oberen Rand. Über zehn Jahre kann allein diese Position den Kaufpreis der Gebrauchtmaschine übersteigen.
Neu aus China: die Risiken ohne Schönfärberei
Damit das Bild fair bleibt, benennen wir auch die Risiken des chinesischen Wegs — wir mussten sie selbst entschärfen:
- Lieferzeit. Eine Presse bedeutet 18–28 Wochen Fertigung plus 6–8 Wochen Seefracht — von der Bestellung bis zur Inbetriebnahme vergehen real 7–9 Monate. Wer schneller verspricht, verkauft eine Lagerkonfiguration oder erzählt Märchen. Dieser Zeitraum gehört von Anfang an in den Investitionsplan.
- Verifizierung des Lieferanten. Im chinesischen Maschinenexport sind Handelsbüros, die sich als Fabriken ausgeben, eher Standard als Ausnahme. Vor der ersten Transaktion verlangen wir deshalb die Geschäftslizenz, auditieren das Werk und prüfen die Echtheit der deklarierten Komponenten — Rexroth-Pumpen und Siemens-Steuerungen sind manchmal nur in der Beschreibung „original".
- Abnahme vor Verschiffung. FAT-Test mit Pressversuchen auf einer Matrize für Ihr Profil, mit Protokoll und Messwerten — bevor die Maschine in den Container geht, nicht nachdem sie in Ihrer Halle steht. Das ist bei uns Standard jeder Transaktion.
- CE und EU-Anpassung. Eine chinesische Presse im Werksstandard erfordert die Anpassung an die EU-Anforderungen: Schutzeinrichtungen, Sicherheitskreise, Dokumentation, Betriebsanleitung auf Deutsch. Wir versprechen kein „CE inklusive" — wir kalkulieren die Anpassung offen und sagen klar, wer in der jeweiligen Transaktionsstruktur formal für die Konformität haftet. Ab dem 20. Januar 2027 gilt die Maschinenverordnung (EU) 2023/1230, die dem Importeur harte Pflichten auferlegt. Wo immer Sie kaufen: Verlangen Sie eine Konformitätserklärung mit Namen und Datum, keinen Aufkleber.
- Service auf Distanz. Das Werk liegt 8000 km entfernt — umso wichtiger sind in Europa servicierbare Komponenten, ein Paket an Verschleißteilen in der Lieferung und vertraglich fixierte Bedingungen für Inbetriebnahme und Gewährleistung.
Der Unterschied zwischen Gebrauchtmaschine und neuer chinesischer Presse besteht nicht darin, dass die eine Risiken hätte und die andere nicht. Er besteht darin, dass sich die Risiken der neuen Maschine durch Verfahren vor der Zahlung entschärfen lassen — während man die Risiken einer 45 Jahre alten Maschine nach dem Kauf entdeckt, mit dem Schraubenschlüssel in der Hand.
TCO über zehn Jahre: die Vergleichstabelle
Gegenüberstellung für eine Presse der 1000-t-Klasse im Zweischichtbetrieb; alle Beträge sind Richtspannen in Tsd. EUR. Die Energie ist als Mehrverbrauch gegenüber einer neuen Presse mit FU-Antrieb dargestellt (Referenz = 0).
| Kostenposition (10 Jahre) | Gebraucht aus Europa, 70er–90er | Neu aus China |
|---|---|---|
| Maschinenkauf | 25–80 | 55–85 (EXW) |
| Fracht / Transport + Zoll | 15–40 (Demontage + Transport EU) | 10–18 (Seefracht, Zoll 0–4,5 %) |
| Fundamente, Montage, Inbetriebnahme | 15–35 (ohne Herstellerunterstützung) | 15–30 (mit Herstellerteam) |
| Überholung / Anpassung zum Start | 30–80 (Generalüberholung) | 10–25 (Sicherheitsanpassung an EU-Anforderungen) |
| Dokumentation und Konformitätsbewertung | 10–30 (Rekonstruktion der Unterlagen, Risiko „wesentliche Veränderung") | in der EU-Anpassung enthalten |
| Energie — Mehrverbrauch vs. FU-Antrieb | +100–200 (ca. 10–20/Jahr) | 0 (Referenz) |
| Ersatzteile und Service (10 Jahre) | 80–150 (Einzelanfertigungen, längere Stillstände) | 40–80 (Katalogkomponenten) |
| Orientierungssumme | 275–615 | 130–238 |
Dazu kommt eine Position, die sich ehrlicherweise nicht in eine Tabelle schreiben lässt: die Kosten ungeplanter Stillstände. Steht die Presse, steht das ganze Presswerk — Öfen, Auslauftisch, Verpackung —, während die Liefertermine Ihrer Kunden weiterlaufen. Bei einer Maschine ohne Herstellersupport und ohne verfügbare Teile bedeutet jeder ernste Schaden Wochen, nicht Tage.
Das Fazit der Tabelle ist unbequem für die Intuition: Die Gebrauchte gewinnt ausschließlich in der Zeile „Maschinenkauf". Über zehn Jahre ist die neue Presse aus China in nahezu jedem realistischen Szenario günstiger — und den Vorsprung bauen vor allem Energie und Service auf. Also genau die Kosten, die monatlich anfallen und die man am Kauftag deshalb am leichtesten ignoriert.
Wann der Gebrauchtkauf wirklich sinnvoll ist
Wir haben Ehrlichkeit versprochen — hier sind die Situationen, in denen wir selbst zur Gebrauchtmaschine raten würden:
- Sie kaufen aus erster Hand, von einem laufenden Presswerk in Ihrer Nähe. Die Maschine arbeitet, Sie sehen sie unter Last, bekommen die Servicehistorie und oft die Leute dazu, die sie kennen. Das ist eine völlig andere Transaktion als das börsentypische „as is" — und in Deutschland mit seiner dichten Industrielandschaft realistischer als irgendwo sonst in Europa.
- Sie finden eine Presse nach frischem Retrofit — neue Hydraulik, neue Steuerung, aktuelle Dokumentation. Selten, aber es kommt vor; dann gelten die Zahlen unserer Tabelle nicht mehr.
- Ihr Budget ist hart bei etwa 50 Tsd. EUR gedeckelt und Sie akzeptieren das Stillstandsrisiko bewusst. Besser eine laufende Gebrauchte als eine neue Presse, für die das Geld für den Rest der Linie fehlt.
- Sie brauchen Kapazität in 2–3 Monaten, nicht in drei Quartalen. Die Lieferzeit einer Neumaschine überspringt kein Verfahren der Welt — wenn ein Vertrag wartet, ist die Gebrauchte mitunter die einzige Option.
- Sie haben eine eigene, erfahrene Instandhaltung — idealerweise mit Leuten, die alte Hydraulik aus der Praxis kennen. Dann erledigen Sie einen Teil der Servicekosten aus der Tabelle mit eigenen Händen.
Soll die Presse dagegen das Herz eines Businessplans über 10–15 Jahre sein, reproduzierbar fertigen und mit den Aufträgen mitwachsen, zeigt die TCO-Rechnung auf die Neumaschine. Und die Preisdifferenz von 30–70 % gegenüber westeuropäischer Neuware erledigt der chinesische Weg — unter der Bedingung einer sauberen Lieferantenverifizierung.
Rechnen Sie beide Varianten mit Ihren Zahlen
Die Spannen in diesem Artikel sind Richtwerte — Ihre Rechnung hängt von den Profilen ab, die Sie pressen wollen, von Ihrem Stromtarif und davon, was gerade auf den Börsen hängt. Was eine komplette neue Linie kostet, vom Bolzenofen bis zum Auslagerungsofen, haben wir in der vollständigen Kostenaufstellung einer Strangpressanlage offengelegt. Senden Sie uns eine Querschnittszeichnung und die geplante Ausbringung, und wir erstellen die konkrete Gegenüberstellung: eine passend dimensionierte Strangpresse mit öffentlichen Preisspannen, Fracht-, Zoll- und Anpassungskosten sowie einem Zeitplan von der Bestellung bis zum ersten Profil — die Abläufe des Imports erklärt der Import-Leitfaden. Und wenn nach diesem Gespräch herauskommt, dass in Ihrer Situation die Gebrauchtmaschine die bessere Wahl ist: Auch das sagen wir Ihnen.
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Rechts-, Steuer- oder Zollberatung dar. Die Anforderungen an die Konformität von Maschinen (Richtlinie 2006/42/EG, Verordnung (EU) 2023/1230, Betriebssicherheitsverordnung für Maschinen im Bestand), Zollsätze und die umsatzsteuerliche Abwicklung hängen vom konkreten Einzelfall ab — klären Sie diese vor der Transaktion mit einer benannten Stelle, Ihrem Zolldienstleister bzw. Steuerberater. Alle genannten Preise sind orientierende Marktspannen und kein verbindliches Angebot.